SAP, Amazon

SAP und Amazon: Wie Betriebsräte die Rückkehr ins Büro prägen

10.02.2026 - 14:45:12

Deutsche Betriebsräte verhandeln Homeoffice-Regeln mit großer Macht. SAPs Dreitage-Modell setzt Maßstäbe, während Amazons Fünftage-Pflicht auf Widerstand stößt.

Die Rückkehr ins Büro wird in Deutschland nicht mehr von oben verordnet, sondern am Verhandlungstisch ausgehandelt. Ein Jahr nach den ersten strengen Anordnungen großer Konzerne hat sich der Betriebsrat als zentrale Instanz etabliert. Er entscheidet maßgeblich darüber, wie Homeoffice-Regeln in der Praxis umgesetzt werden.

Der „Walldorfer Standard“: SAPs verhandelter Dreitage-Kompromiss

Die Blaupause für diese neue Realität lieferte der Software-Riese SAP. Nach einem heftigen Streit, der Anfang 2025 vor eine Einigungsstelle gelangte, einigten sich Konzernführung und Betriebsrat auf ein Modell, das heute branchenweit Maßstäbe setzt: den verpflichtenden Dreitage-Bürobesuch.

Der Konflikt war entbrannt, als SAP-Chef Christian Klein eine strengere Präsenzkultur für mehr Innovation forderte. Der Betriebsrat blockierte zunächst und verwies auf frühere Flexibilitätszusagen. Das im März 2025 besiegelte Ergebnis zeigt die Macht der Mitbestimmung: SAP darf die Rückkehr anordnen, musste im Gegenzug aber Millionen in attraktivere Arbeitsumgebungen investieren – von Kollaborationszonen bis zu Sportanlagen. Der Betriebsrat nutzte sein Mitbestimmungsrecht nach § 87 BetrVG geschickt, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

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Amazon: Fünftage-Pflicht kollidiert mit deutschem Recht

Ganz anders verläuft die Situation beim US-Händler Amazon. Dessen globale Fünftage-Büropflicht stößt in Deutschland seit über einem Jahr auf erbitterten Widerstand. Gewerkschaften und Betriebsräte bekämpfen die Umsetzung mit allen Mitteln des deutschen Arbeitsrechts.

Während die Anordnung formal gilt, scheitert ihre praktische Durchsetzung oft an betrieblichen Verhandlungen. Die deutschen Gesetze zur Arbeitszeitverteilung und technischen Überwachung werden zum Schutzschild gegen den globalen Einheitsplan. Amazon muss lernen: Was in den USA durchgesetzt werden kann, zerschellt in Deutschland oft an der Mitbestimmung.

Axel Springer: Das „Office First“-Modell und seine Grenzen

Ein weiteres Leuchtturmprojekt ist die „Office First“-Politik des Medienkonzerns Axel Springer. Seit September 2025 müssen Beschäftigte dort 80 Prozent ihrer Arbeitszeit im Büro verbringen. Doch auch diese Strategie war nur nach „zähen Verhandlungen“ mit dem Gesamtbetriebsrat durchsetzbar.

Rechtsexperten ziehen aus diesem Fall eine klare Lehre für 2026: Der Arbeitgeber darf das „Ob“ der Bürorückkehr bestimmen. Das „Wie“ – also die Details zu Schichtplänen, Ausnahmeregelungen und Kontrollsoftware – unterliegt jedoch dem Veto des Betriebsrats. Diese Unterscheidung hat sich in der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts verfestigt.

Die Zukunft: Rollenbasierte Präsenz statt Gießkannen-Prinzip

Mit den Grundsatzdebatten weitgehend geklärt, verlagert sich der Fokus. Experten erwarten für 2026 einen Trend zu rollenbasierten Präsenzmodellen. Die nächsten Aufgaben für Betriebsräte werden der Schutz besonders betroffener Gruppen und die Regulierung von „Workation“-Regelungen sein.

Der Umgang mit Amazon bleibt dabei ein Prüfstein. Während der Konzern auch mit einer kartellrechtlichen Geldbuße von 59 Millionen Euro kämpft, steht seine Personalpolitik unter besonderer Beobachtung. Sie ist zum Testfall geworden, wie weit amerikanische Managementstile in der deutschen Sozialen Marktwirtschaft reichen. Die Botschaft an alle Konzernzentralen ist klar: Ohne Betriebsrat läuft in Deutschland beim Thema Büropräsenz fast nichts.

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