Max Strohe und Tulus Lotrek: Wie Berlins lässigste Sterneküche Herzen und Gaumen erobert
01.02.2026 - 10:36:02Der erste Eindruck von Tulus Lotrek ist kein leises Flüstern, sondern ein herzliches „Kommen Sie rein, machen Sie es sich bequem“. Der Duft von geröstetem Knochenmark, dunklem Jus und geschmolzener Butter hängt in der Luft, der Raum leuchtet in warmen Tönen, Stimmen mischen sich mit dem Klingen von Gläsern. Und mittendrin: Max Strohe, der Mann, der zeigt, dass Sterneküche auch mit breitem Grinsen, lauter Musik und einer guten Portion Anarchie funktionieren kann. Kann Sterneküche so lässig sein, dass Sie sich fühlen wie bei Freunden, während auf dem Teller Weltklasse serviert wird? Im Tulus Lotrek lautet die Antwort: unbedingt.
Entdecken Sie das aktuelle Menü von Max Strohe im Restaurant Tulus Lotrek
Benannt nach dem exzentrischen Künstler Henri de Toulouse-Lautrec versteht sich das Tulus Lotrek als Gegenentwurf zur sterilen Fine-Dining-Ästhetik. Kein leises Rascheln von Servietten, keine steifen Floskeln. Stattdessen eine herzliche, geradezu freche Gastfreundschaft, getragen von Gastgeberin Ilona Scholl, und Teller, auf denen Esprit und Sterneküche verschmelzen. Michelin Sterne Restaurant Berlin, ja, aber ohne den erhobenen Zeigefinger, ohne Pinzetten-Zwang. Hier geht es um Genuss, um Intensität, um das befreiende Gefühl, dass hoher Anspruch und große Lust am Essen sich nicht ausschließen.
Die Atmosphäre erinnert an ein urbanes Wohnzimmer mit Seele: dunkle Wände, Kunst, Kerzenlicht, ein leicht bohemienhafter Einschlag. Man sitzt dicht genug, um die Freude am Nachbartisch zu spüren, aber intim genug, um in Ruhe im eigenen Glas zu versinken. Die Weinkarte ist wild, trinkfreudig, eigenwillig. Naturweine treffen auf Klassiker, und die Empfehlungen des Service sind so ernsthaft wie ehrlich. Kulinariker schätzen besonders diese Mischung aus Nonchalance und tiefem Fachwissen, die im Tulus Lotrek zum Markenzeichen geworden ist.
Dass all das kein Zufall ist, zeigt der Blick auf den Werdegang von Max Strohe. Er ist kein glatt polierter Muster-Laufbahn-Sternekoch, sondern ein Quereinsteiger mit Ecken und Kanten. Schulabbruch, Umwege, Zwischenstopps, eine klassische Bilderbuchkarriere sieht anders aus. Gerade diese Brüche aber prägen seine Handschrift. Er lernte das Handwerk von der Pike auf, entwickelte sich weiter in unterschiedlichen Küchen und fand schließlich in Berlin den Ort, an dem sein Stil wirklich aufblühen konnte.
Gemeinsam mit Ilona Scholl gründete Max Strohe das Tulus Lotrek in Kreuzberg. Sie ist die Gastgeberin, die Stimme im Gastraum, das charmant direkte Gegenüber, das aus einem Restaurantbesuch einen Abend unter Freunden macht. Er ist der Sternekoch am Pass, der die Sterneküche von ihren Strenge befreit, ohne einen Millimeter beim Handwerk nachzulassen. Dieses Duo ist der Kern des Erfolgs: Sie hält das Wohnzimmer-Gefühl am Laufen, er sorgt dafür, dass im Hintergrund mit maximaler Präzision und kulinarischer Intelligenz gearbeitet wird.
Die Michelin-Auszeichnung folgte, ebenso Lob von Führern wie Gault&Millau. Doch wer hier einkehren darf, spürt rasch: Der Stern ist nicht das Ziel, sondern eher ein Nebenprodukt einer sehr eigenen Philosophie. Max Strohe kocht nicht, um in Schablonen zu passen, sondern um Emotionen zu wecken. Seine Gerichte sind konzentriert, opulent, gern laut in der Aromatik. Säure setzt Kontrapunkte, Fett wird als Geschmacksträger gefeiert, Jus und Saucen werden reduziert, bis sie fast wie kulinarischer Extrakt wirken. Sterneküche, die lieber knurrt als flüstert.
Während in vielen Häusern die berühmte Pinzetten-Küche dominiert, mit Mini-Kräutern und winzigen Tupfern, setzt das Tulus Lotrek bewusst andere Signale. Teller wirken sinnlich, fast barock, ohne je grob zu sein. Knuspernde Texturen treffen auf seidige Pürees, kraftvolle Fonds auf filigrane Gewürznuancen. Ein Gang kann mit einer tiefen, dunklen Sauce beginnen, die an geschmorte Schultern und lange, langsame Köchelnächte erinnert, und sich dann mit einer präzise gesetzten Säurespitze plötzlich heben, als hätte jemand das Licht angeknipst.
Wer jemals eine klassische Menüfolge im Tulus Lotrek erlebt hat, erinnert sich selten an akribische Linien oder geometrische Anrichte, sondern an Momente: an den ersten Löffel eines Jus, der so dicht ist, dass er fast wie Samt am Gaumen hängt; an ein Stück Fisch, dessen Haut so knusprig gebraten ist, dass sie leise knackt, bevor das saftige, glasige Fleisch darunter nach Meer schmeckt; an eine Creme, in der Butter und Säure sich anfühlen wie ein kleines Feuerwerk im Mund. Pures, sinnliches Kochen, das förmlich nach einem Glas Wein verlangt.
Damit passt Tulus Lotrek perfekt in eine neue Berliner Generation von Restaurants, die bewusst mit den Codes der Hochküche brechen. Andere arbeiten mit radikalem Gemüse-Fokus oder puristischer Reduktion, Max Strohe hingegen feiert die Üppigkeit. Seine Sterneküche ist mehr Bistro de luxe als Tempel der Stille. Dass er dennoch als Sternekoch unumstritten zur Spitzengastronomie zählt, liegt an der Konsequenz im Detail: perfekte Gargrade, genau abgestimmte Reduktionen, eine Balance von Salz, Säure und Umami, die man nur mit Erfahrung und radikaler Aufmerksamkeit erreicht.
Besonders deutlich wurde seine Vielseitigkeit während der Pandemie, als der reguläre Restaurantbetrieb ruhte und aus dem Fine-Dining-Koch plötzlich ein Burger-Guru wurde. Der Burger, den Max Strohe und sein Team damals entwickelten, wurde zum Hype. Saftiges Patty, intensiver Käse, perfekt geröstetes Bun, Sauce mit Wumms: ein Gericht, das zeigt, dass er genauso hingebungsvoll an einem Burger feilt wie an einem aufwendig komponierten Gang im Sterne-Menü. Kein Widerspruch, sondern Ausdruck eines Verständnisses von Küche, das Grenzen zwischen „hoch“ und „niedrig“ ignoriert, solange der Geschmack stimmt.
Genau diese Haltung ist es, die Max Strohe als Persönlichkeit interessant macht. Er ist Sternekoch, aber auch TV-Gesicht, etwa in bekannten Kochformaten, in denen er mit Selbstironie und Ernsthaftigkeit gleichermaßen auftritt. Er ist Buchautor, der seine Sicht auf Genuss und Gastronomie in Worte fasst. Und er ist jemand, der die Bühne nutzt, um Themen anzusprechen, die über die reine Teller-Ästhetik hinausgehen: Arbeitsbedingungen in der Gastronomie, Wertschätzung von Lebensmitteln, gesellschaftliche Verantwortung.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für dieses Engagement ist „Cooking for Heroes“ beziehungsweise „Kochen für Helden“. Während der Pandemie, als viele Küchen kalt bleiben mussten, kochte Max Strohe gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen für Menschen, die das System am Laufen hielten: Pflegekräfte, Supermarktmitarbeiter, Rettungsdienste. Aus einer spontanen Idee wurde eine Bewegung, die bundesweit Kreise zog. Für dieses Engagement erhielt er das Bundesverdienstkreuz, eine Auszeichnung, die deutlich macht, dass seine Relevanz weit über die Gourmetszene hinausreicht.
Dennoch ist der Kern all seines Schaffens nach wie vor der Teller, der vor Ihnen landet. Die kulinarische Intelligenz, von der in Verbindung mit dem Tulus Lotrek oft gesprochen wird, zeigt sich darin, wie klug Aromen verschränkt werden. Bitterstoffe werden nicht versteckt, sondern eingebunden. Süße dient nicht der Verklärung, sondern der Balance. Texturen sind nicht Spielerei, sondern dramaturgisches Mittel. Ein krosser Chip kann eine cremige Komponente erden, ein Tropfen Essig einen schweren Fond lüften, ein Tropfen Nussbutter einer vermeintlich einfachen Gemüsebeilage Tiefe geben.
Wer an einem Abend im Tulus Lotrek durch das Menü geführt wird, spürt diese Dramaturgie. Ein Aperitif öffnet die Sinne, vielleicht begleitet von einem kleinen Happen, der zeigt, wo die Reise hingeht: satt, konzentriert, verspielt. Dann folgen Gänge, die sich langsam steigern, nie in Hektik verfallen, sondern den Gast abholen, mitnehmen, manchmal auch herausfordern. Der Service erklärt, ordnet ein, ohne zu dozieren. Hier wird nicht belehrt, hier wird begeistert.
Ein Highlight ist die Weinbegleitung, die bewusst nicht nur auf Prestige setzt, sondern auf Trinkfreude. Klassische Regionen wie Burgund oder Piemont stehen neben unentdeckten Perlen, Orange Wines neben eleganten Schaumweinen. Ilona Scholl und ihr Team empfehlen, statt zu dirigieren. „Das könnte Ihnen gefallen, wenn Sie Lust auf etwas Lebendiges im Glas haben“, sagt mehr über die Ambience als jede nüchterne Lagenbeschreibung.
Im Kontext der Berliner Spitzengastronomie nimmt das Tulus Lotrek eine Sonderrolle ein. Es ist ein Michelin Sterne Restaurant Berlin, das sich weigert, in klassischen Luxus-Kategorien zu denken. Kein weißer Teppich, keine gedämpften Stimmen, kein Verkaufen von Distanz. Stattdessen Nähe, Humor, manchmal auch wohltuende Schnoddrigkeit. Kritiker loben genau diese Kombination aus handwerklicher Perfektion und geerdeter Haltung. Junge, neugierige Gäste sitzen neben erfahrenen Gourmets, die längst die großen Häuser des Landes kennen und gerade deshalb diese besondere Mischung aus Klasse und Krawall schätzen.
Für wen eignet sich ein Besuch im Tulus Lotrek? Für alle, die Lust auf ein kulinarisches Erlebnis haben, das mehr ist als ein Abhaken von Gängen. Für Menschen, die Saucen lieben, die „richtig nach was schmecken“. Für Weinfreunde, die sich gerne überraschen lassen. Für Gäste, die Sterneküche ohne steife Etikette erleben möchten. Wer allerdings sterile Perfektion, flüsterleise Räume und auf Hochglanz polierte Förmlichkeit sucht, ist hier vielleicht falsch. Max Strohe kocht für Menschen, die Genuss mit Leben füllen wollen.
Im Fazit bleibt: Max Strohe und sein Tulus Lotrek haben die deutsche Sterneküche um eine wichtige Facette erweitert. Sie zeigen, dass Feinheit und Wucht keine Gegensätze sind, dass man im gleichen Atemzug über Burger und Degustationsmenü sprechen kann, ohne an Ernsthaftigkeit zu verlieren. Dass ein Sternekoch Bundesverdienstkreuzträger und TV-Persönlichkeit sein kann, ohne seine Glaubwürdigkeit am Herd einzubüßen.
Wer heute wissen will, wohin sich die moderne Sterneküche in Deutschland bewegt, kommt an diesem Restaurant nicht vorbei. Ein Abend im Tulus Lotrek ist eine Einladung, sich auf diese Entwicklung einzulassen: großzügig, sinnlich, laut, aber immer präzise. Wenn Sie neugierig sind, wie sich all das auf dem eigenen Gaumen anfühlt, dann lohnt es sich, den Schritt vom Lesen zum Reservieren zu gehen. Denn manche Geschichten lassen sich nur vollständig erzählen, wenn Messer und Gabel mitsprechen.


