LONGi Green Energy: Solar-Schwergewicht zwischen Preisdruck, Politrisiken und vorsichtigem Comeback an der Börse
01.01.2026 - 05:55:58Die LONGi-Aktie bleibt Sinnbild des globalen Solardrucks: Nach massivem Kursverfall, politischem Gegenwind und Preiskampf hofft der Markt nun auf Bodenbildung – doch der Weg bleibt steinig.
Die Aktie von LONGi Green Energy steht exemplarisch für die Turbulenzen der globalen Solarbranche: Nach einem brutalem Preisverfall bei Modulen, Überkapazitäten in China und wachsendem politischem Gegenwind im Westen versucht der einstige Branchenstar, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. An den Märkten schwankt das Sentiment derzeit zwischen vorsichtigem Optimismus und tiefer Skepsis – mit deutlichen Spuren im Kursverlauf der LONGi-Aktie.
Zum jüngsten Börsenschluss wurde LONGi Green Energy an den chinesischen Festlandbörsen bei rund 19,50 CNY gehandelt. Laut Datenabgleich zwischen mehreren Finanzportalen (unter anderem Yahoo Finance und Reuters) entspricht dies dem letzten verfügbaren Schlusskurs; der Handel war zum Zeitpunkt der Recherche nicht geöffnet. In den vergangenen fünf Handelstagen pendelte der Kurs in einer engen Spanne um diese Marke und zeigte eher seitwärts gerichtete Tendenzen. Blickt man allerdings auf die letzten drei Monate, dominiert weiterhin ein klar abwärtsgerichteter Trend: Die Aktie hat im Quartalsvergleich deutlich zweistellig nachgegeben und sich der Region ihres 52?Wochentiefs angenähert. Das 52?Wochen-Hoch liegt mehr als doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs – ein Hinweis darauf, wie drastisch die Neubewertung des Titels ausgefallen ist.
Das Sentiment am Markt lässt sich damit als verhalten und überwiegend bärisch beschreiben: Viele Investoren sehen zwar die langfristige Relevanz der Solarbranche, zweifeln aber an Tempo und Profitabilität des Wachstums im aktuellen Umfeld aus Preisdruck und Regulierung. Dass sich der Kurs zuletzt stabilisiert hat, wird von Charttechnikern eher als technische Atempause denn als Trendwende interpretiert.
Ein-Jahres-Rückblick: Das Investment-Szenario
Wer vor rund einem Jahr bei LONGi eingestiegen ist, braucht starke Nerven – und einen langen Atem. Auf Basis der historischen Schlusskurse lag die Aktie damals im Bereich von etwa 30 CNY. Mit dem jüngsten Schlusskurs um 19,50 CNY ergibt sich damit ein Rückgang von grob einem Drittel. Rechnerisch entspricht das einem Minus von rund 35 Prozent innerhalb eines Jahres.
Anders formuliert: Aus einem Investment von 10.000 Euro in LONGi-Aktien wäre – Wechselkurs- und Transaktionskosten unberücksichtigt – heute nur noch ein Gegenwert von etwa 6.500 Euro geworden. Wer auf eine schnelle Erholung der Solarwerte oder eine Fortsetzung der früheren Wachstumsstory gehofft hatte, sieht sich enttäuscht. Die Kurskorrektur reflektiert dabei nicht nur unternehmensspezifische Faktoren, sondern eine ganze Reihe branchentypischer Belastungen: fallende Modulpreise, Überkapazitäten in China, verschärfte Wettbewerbsintensität, geopolitische Spannungen sowie zunehmende Handelsschranken in wichtigen Absatzmärkten wie Europa und den USA.
Gleichzeitig eröffnet dieses Kursniveau aus Sicht langfristig orientierter Anleger ein anderes Narrativ: Wer nicht in den Boomjahren einstieg, sondern sich erst jetzt mit der Aktie beschäftigt, blickt auf ein Bewertungsniveau, das im historischen Vergleich deutlich moderater ausfällt. Für Value-orientierte Investoren könnte der starke Rückgang daher den Einstieg in einen global bedeutenden Solarkonzern attraktiver machen – vorausgesetzt, die Margen stabilisieren sich und politische Risiken bleiben beherrschbar.
Aktuelle Impulse und Nachrichten
In den vergangenen Tagen wurde LONGi vor allem im Kontext der sich verschärfenden handelspolitischen Auseinandersetzungen zwischen China, den USA und Europa erwähnt. Mehrere internationale Medien und Finanzportale berichteten über fortgesetzte Diskussionen in Brüssel und Washington, ob und in welcher Höhe Schutzzölle oder Antidumpingmaßnahmen auf chinesische Solarprodukte ausgeweitet oder verschärft werden sollen. LONGi gilt als einer der weltweit größten Hersteller von Solarmodulen und Wafern und steht damit im Fokus dieser Debatte.
Zuletzt tauchten zudem Meldungen auf, dass das Unternehmen seine internationale Präsenz neu austarieren will. Branchenberichte verweisen darauf, dass chinesische Hersteller – darunter LONGi – verstärkt Produktionskapazitäten außerhalb Chinas prüfen oder ausbauen, etwa in Südostasien oder im Mittleren Osten. Hintergrund ist der Versuch, Lieferketten zu diversifizieren und Teile der Produktion in Regionen zu verlagern, die weniger stark von Strafzöllen oder Importbeschränkungen betroffen sind. Konkrete Entscheidungen im Sinne einer umfassenden „De-Sinisierung“ der Lieferkette wurden zwar nicht offiziell verkündet, doch der Markt liest die Signale als strategische Vorbereitung auf eine dauerhaft fragmentierte Handelsordnung.
Operativ ist die Branche weiterhin von massivem Preisdruck gekennzeichnet. Finanzportale berichteten jüngst über nochmals rückläufige Spotpreise für Solarmodule und Wafer. Während dies die Nachfrage nach Photovoltaik-Projekten weltweit stützt, drückt es auf die Margen der Hersteller. LONGi versucht gegenzusteuern, indem der Konzern die eigene Fertigungstechnologie weiterentwickelt, um die Kosten pro Watt zu senken und so trotz niedriger Marktpreise wettbewerbsfähig zu bleiben. Entsprechende Hinweise auf technologische Weiterentwicklungen und Effizienzsteigerungen in der Modulproduktion wurden in Analystenkommentaren wiederholt positiv hervorgehoben, ändern aber kurzfristig nichts an der belasteten Profitabilität.
Das Urteil der Analysten & Kursziele
Die jüngsten Einschätzungen internationaler Investmenthäuser zeichnen ein gemischtes Bild. Mehrere große Banken haben ihre Analysen zur LONGi-Aktie in den vergangenen Wochen aktualisiert, häufig mit der Stoßrichtung: Bewertungsniveau attraktiv, operative Risiken jedoch hoch.
So stufen einige internationale Broker den Titel weiterhin mit „Kaufen“ oder „Übergewichten“ ein, verweisen aber auf ein deutlich reduziertes Kursziel im Vergleich zu früheren Hochphasen des Solarsektors. Begründet wird dies mit dem langfristigen Wachstum der globalen Photovoltaik-Nachfrage und der starken Marktstellung von LONGi im Bereich Monokristallin-Technologie. Andere Häuser haben hingegen auf „Halten“ zurückgenommen und argumentieren, dass die strukturelle Profitabilität der Branche erst bewiesen werden müsse, bevor neue Kapitalzuflüsse gerechtfertigt seien. Explizit genannt werden Risiken aus möglichen weiteren Anti-Dumping-Verfahren, der Unsicherheit über die chinesische Industrie- und Subventionspolitik und der Gefahr eines anhaltenden Preiswettbewerbs bis hin zu Verlusten auf Ebene vieler Produzenten.
In Summe ergibt sich aus der verfügbaren Analystenlandschaft ein neutral bis leicht positives Gesamturteil: Ein nennenswerter Anteil der Experten empfiehlt die Aktie zum Kauf, doch der ebenfalls große Block zurückhaltender „Halten“-Einstufungen sorgt dafür, dass das Stimmungsbild keineswegs eindeutig bullisch wirkt. Die Kursziele liegen im Mittel spürbar über dem aktuellen Kurs, was aus Bewertungssicht ein moderates Aufwärtspotenzial signalisiert – gleichzeitig reflektiert die relativ große Streuung der Ziele, wie unterschiedlich die Einschätzungen zu politischen und branchenspezifischen Risiken ausfallen.
Ausblick und Strategie
Für die kommenden Monate steht LONGi vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits muss das Unternehmen seine Kostenstruktur und Technologie weiter optimieren, um im gnadenlosen Preiswettbewerb bestehen zu können. Andererseits gilt es, die geopolitisch bedingten Marktrisiken einzudämmen und mit einer klugen Internationalisierungsstrategie zu beantworten.
Auf der operativen Seite setzt der Konzern stark auf technologische Führerschaft. Höhere Wirkungsgrade, verbesserte Zell- und Modularchitekturen sowie eine noch effizientere Massenfertigung sollen sicherstellen, dass LONGi auch bei weiter fallenden Marktpreisen profitabel produzieren kann. Der Übergang zu neuen Zelltechnologien wie TOPCon und perspektivisch Heterojunction sowie die Diskussion um Tandem- und Perowskit-Lösungen spielen hierbei eine zentrale Rolle. Gelingt es dem Unternehmen, diese Technologien frühzeitig in den industriellen Maßstab zu überführen, könnte sich daraus ein Wettbewerbsvorteil ergeben, der die Margen stabilisiert und dem Aktienkurs neuen Rückenwind verleiht.
Strategisch wird entscheidend sein, wie konsequent LONGi seine globale Präsenz neu ausrichtet. Produktionskapazitäten in Regionen mit verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen, Zugang zu wichtigen Absatzmärkten und geringeren handelspolitischen Risiken könnten die Abhängigkeit von China-zentrierten Lieferketten verringern. Gleichzeitig dürfte das Unternehmen bemüht sein, in Europa und den USA als verlässlicher Partner der Energiewende wahrgenommen zu werden – etwa durch mehr lokale Wertschöpfung, Kooperationen mit Projektentwicklern und Versorgern sowie transparente Nachhaltigkeitsstandards in der Lieferkette.
Für Anleger bedeutet dies: Die LONGi-Aktie bleibt ein Titel mit hoher Sensitivität gegenüber politischen Entscheidungen, Modulpreisen und Branchensentiment. Kurzfristig dürfte der Kurs stark auf Nachrichten zu Strafzöllen, staatlichen Förderprogrammen und Branchenkapazitäten reagieren. Mittel- bis langfristig hängt das Renditepotenzial davon ab, ob es dem Unternehmen gelingt, aus dem derzeitigen Preiskampf als technologisch führender und finanziell robuster Anbieter hervorzugehen.
Wer bereits investiert ist, dürfte die aktuelle Kursregion vor allem als Bewährungsprobe sehen: Hält die Zone nahe dem 52?Wochentief, könnte sich eine Bodenbildungsphase etablieren, die späteren Erholungsbewegungen den Weg ebnet. Bricht der Kurs hingegen nochmals deutlich ein, müsste das Bewertungsmodell vieler Investoren neu justiert werden. Neueinsteiger wiederum sollten sich der hohen Volatilität bewusst sein und die Positionierung von LONGi im eigenen Portfolio eher im Rahmen einer breiteren Energiewende- oder Asien-Strategie sehen, statt alles auf eine Karte zu setzen.
Fest steht: LONGi bleibt ein Schwergewicht der globalen Solarindustrie – und damit ein Gradmesser dafür, ob die Branche nach Jahren des Booms und der anschließenden Korrektur in eine Phase nachhaltiger, profitabler Expansion übergehen kann. Für die Aktie bedeutet das zugleich Risiko und Chance.


