KI-Giganten unter Druck: EU rügt mangelnde Transparenz bei Trainingsdaten
24.01.2026 - 14:43:12Die EU verschärft den Druck auf führende KI-Unternehmen. Neue Berichte zeigen erhebliche Lücken bei der Offenlegung von Trainingsdaten – und sorgen für Alarmstimmung in der deutschen Tech-Branche.
Brüssel – Während die Europäische Union die Vollendung ihres wegweisenden KI-Gesetzes vorantreibt, klafft bei globalen KI-Entwicklern eine massive Compliance-Lücke. Aktuelle Untersuchungen belegen, dass führende Tech-Konzerne die strengen EU-Transparenzvorgaben für urheberrechtlich geschützte Trainingsdaten nicht erfüllen. Die EU-Kommission prüft diese Unstimmigkeiten nun scharf. Die Debatte um geistiges Eigentum im Zeitalter generativer KI hat damit einen kritischen Punkt erreitet – und verunsichert Unternehmen in Deutschland und der gesamten Union.
Transparenzlücke: Big Tech in der Kritik
Untersuchungen zeigen eine wachsende Kluft zwischen den regulatorischen Erwartungen der EU und den tatsächlichen Angaben der dominierenden KI-Firmen. Mehrere Anbieter genereller KI-Modelle (GPAI) haben demnach Trainingsdaten-Zusammenfassungen vorgelegt, die Aufsichtsbehörden und zivilgesellschaftliche Gruppen als vage und unzureichend beschreiben.
Seit August 2024 gelten neue EU‑Regeln für Künstliche Intelligenz – und viele Unternehmen riskieren bereits jetzt Bußgelder, weil Kennzeichnungspflichten, Risikoklassen und Dokumentationsanforderungen nicht erfüllt sind. Der kostenlose Umsetzungsleitfaden zur KI‑Verordnung fasst die wichtigsten Anforderungen kompakt zusammen, erklärt Risikoklassifizierung und die nötigen Dokumentationsschritte und liefert eine praktische Checkliste für Entwickler, Anbieter und Compliance‑Teams in der EU. Jetzt kostenlosen KI‑Umsetzungsleitfaden herunterladen
Der Kern des Problems liegt im geforderten Detaillierungsgrad. Die Verordnung verlangt eine „hinreichend detaillierte Zusammenfassung“ der verwendeten Trainingsinhalte – speziell, um Rechteinhabern ihr Opt-out-Recht zu ermöglichen. Viele Einreichungen bieten jedoch nur grobe Datenkategorien statt konkreter Quellen. Diese mangelnde Granularität macht es für Künstler, Verlage und Medienhäuser praktisch unmöglich zu prüfen, ob ihre geschützten Werke unerlaubt genutzt wurden.
Im deutlichen Kontrast zu proprietären Modellentwicklern zeigt die Open-Source-Community, dass Compliance machbar ist. Plattformen wie Hugging Face haben umfassende Vorlagen und Datenzusammenfassungen veröffentlicht, die die EU-Standards erfüllen oder übertreffen. Diese Diskrepanz nährt in Brüssel die Frage: Ist die Unschärfe der großen Tech-Firmen eine technische Limitation – oder eine strategische Entscheidung, um mögliche Urheberrechtsverletzungen zu verschleiern?
Regelwerk in Arbeit: Der Verhaltenskodex
Um die Lücke zwischen Regulierung und technischer Umsetzung zu schließen, finalisiert das EU-KI-Büro derzeit seinen „Code of Practice“.
Nach einer Reihe von Workshops und Arbeitsgruppensitzungen zwischen dem 21. und 22. Januar befindet sich der Entwurfsprozess in einer entscheidenden Phase. Die Beteiligten arbeiten unter Hochdruck an der Verfeinerung der Standards für die Kennzeichnung KI-generierter Inhalte und die Dokumentation von Trainingsdatensätzen. Die im Januar begonnene zweite Entwurfsrunde soll klare technische Standards hervorbringen, noch bevor strikte Strafen in Kraft treten.
Doch die Uhr tickt. Während das KI-Gesetz bereits gilt, schließt sich das Fenster für eine „gnädige“ Compliance. Der fertige Verhaltenskodex wird ein entscheidendes Durchsetzungsinstrument sein. Wer die kommenden Standards nicht einhält, riskiert Bußgelder von bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Deutsche Industrie reagiert: Compliance gegen Wettbewerbsfähigkeit
Der sich zuziehende regulatorische Schraubstock sorgt für erhebliche Verunsicherung in der deutschen Wirtschaft, wo Unternehmen täglich um die Balance zwischen Innovation und Compliance ringen. Eine am 21. Januar veröffentlichte Umfrage des ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie) zeichnet ein besorgniserregendes Stimmungsbild.
Demnach empfindet etwa ein Drittel der befragten Unternehmen den aktuellen Rechtsrahmen als großes Hindernis für die KI-Einführung. Noch alarmierender: Fast die Hälfte der Befragten zieht in Erwägung, ihre KI-Investitionen aus der Europäischen Union zu verlagern, um als übermäßig empfundene Bürokratie zu umgehen. Diese Haltung unterstreicht, wie viel für Deutschlands industrielle Basis auf dem Spiel steht. Sie ist darauf angewiesen, KI in Fertigung und Logistik zu integrieren, um global wettbewerbsfähig zu bleiben.
Parallel arbeitet der Digitalverband Bitkom daran, heimische Unternehmen durch diesen Übergang zu lotsen. Am 20. Januar veröffentlichte die Organisation eine aktualisierte „Umsetzungshilfe“ (Version 2.0) für das KI-Gesetz. Das Dokument integriert die neuesten Klarstellungen der EU-Kommission und soll deutschen Firmen einen konkreten Fahrplan für den Umgang mit den komplexen Anforderungen an Hochrisiko-Systeme und Transparenzpflichten bieten.
Kontextanalyse: Die steigenden Kosten des Risikos
Der Fokus auf Transparenz und Urheberrecht verändert die Unternehmensrisikolandschaft grundlegend. Der „Allianz Risk Barometer 2026“, der diese Woche veröffentlicht wurde, katapultierte „Künstliche Intelligenz“ zum zweithöchsten Geschäftsrisiko weltweit – ein dramatischer Aufstieg vom zehnten Platz im Vorjahr. Risikomanagement-Experten führen diesen Anstieg nicht nur auf technische Fehler zurück, sondern speziell auf die rechtlichen und regulatorischen Unsicherheiten rund um Compliance und geistige Eigentumsrechte.
Diese regulatorische Reibung verdeutlicht einen fundamentalen transatlantischen Graben. Während der US-Markt weiterhin unter einer eher klagefreudigen, aber flexiblen „Fair-Use“-Doktrin operiert, setzt die EU auf ex-ante-Regulierung. Für europäische Rechteinhaber sind die Transparenzpflichten ein notwendiger Schutzschild gegen die unvergütete Nutzung ihrer Arbeit. Für KI-Entwickler stellt die Pflicht zur Offenlegung granularer Trainingsdaten jedoch eine Schwachstelle dar, die eine Welle von Urheberrechtsklagen auslösen könnte.
Rechtsexperten deuten die aktuelle „Befragung“ großer KI-Firmen durch die Kommission als Vorbote formeller Durchsetzungsmaßnahmen. Verbessern sich die freiwilligen Offenlegungen nicht, könnte die EU gezwungen sein, ihre neuen Befugnisse zur Informationserzwingung einzusetzen. Das würde die Bühne für einen großen Rechtsstreit zwischen Brüssel und dem Silicon Valley noch in diesem Jahr bereiten.
Ausblick: Ende der „Black-Box“-Ära
Die kommenden Monate werden für die Umsetzung des KI-Gesetzes entscheidend sein. Die Beteiligten erwarten, dass die EU-Kommission in den nächsten Wochen formelleres Feedback zu den unzureichenden Datenzusammenfassungen geben wird. Bis Mitte 2026 wird der finalisierte Verhaltenskodex die letzte Unklarheit darüber beseitigen, was eine „hinreichende“ Offenlegung ausmacht.
Für in der EU operierende Unternehmen ist die Botschaft klar: Die Ära der „Black-Box“-KI-Entwicklung geht zu Ende. Firmen müssen sich auf ein Regime einstellen, in dem die Datenherkunft genauso wichtig ist wie die Modellleistung. Während sich die Frist für die Pflichten von Hochrisiko-KI-Systemen im August 2026 nähert, wird sich der Fokus voraussichtlich vom Regelentwurf auf deren Durchsetzung verlagern. Die Transparenz in Urheberrechtsfragen wird dabei der erste große Prüfstein für den Durchsetzungswillen der EU sein.
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