EY-Studie, Jobs

EY-Studie: Deutsche Industrie verliert doppelt so viele Jobs

17.02.2026 - 15:53:11

Eine Analyse zeigt einen dramatischen Beschäftigungsabbau in der deutschen Industrie. Über 124.000 Stellen fielen 2025 weg, wobei die Automobilindustrie den größten Verlust erlitt.

Die deutsche Industrie hat 2025 mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze abgebaut wie im Vorjahr. Die Automobilbranche trifft es am härtesten.

Berlin – Die Krise im industriellen Herz Deutschlands verschärft sich dramatisch. Eine neue Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY zeigt einen massiven Beschäftigungsabbau und schrumpfende Umsätze. Demnach strichen Industrieunternehmen im vergangenen Jahr rund 124.100 Stellen. 2024 waren es noch etwa 56.000. Die gefürchtete Deindustrialisierung gewinnt an Fahrt.

Hohe Energiekosten, schwache Nachfrage und scharfer internationaler Wettbewerb zwingen die größte Volkswirtschaft Europas zu tiefgreifenden Anpassungen. Die Gesamtbeschäftigung in der Branche sank um 2,3 Prozent auf etwa 5,38 Millionen Menschen. Ohne eine deutliche Konjunkturwende dürfte der Abwärtstrend 2026 anhalten.

Automobilbranche als Hauptleidtragende

Die einstige Zuglok der deutschen Wirtschaft, die Automobilindustrie, verzeichnet die größten Verluste. Allein 2025 bautten Hersteller und Zulieferer etwa 50.000 Jobs ab – ein Minus von 6,5 Prozent innerhalb eines Jahres.

Die Langzeitentwicklung ist noch alarmierender. Seit 2019, dem letzten Jahr vor der Pandemie, schrumpfte die Belegschaft um 111.000 Stellen oder fast 13 Prozent. Verantwortlich sind nicht nur die Konjunkturflaute, sondern vor allem der strukturelle Wandel zur E-Mobilität, die weniger Personal benötigt, und der aggressive Markteintritt chinesischer Konkurrenten.

„Die deutsche Industrie steckt in einer tiefen Krise“, sagt Jan Brorhilker, Managing Partner bei EY. Die Stellenstreichungen mögen im Vergleich zu den starken Umsatzeinbrüchen moderat wirken. Der Trend sei jedoch hartnäckig und bedrohlich. Aggressive Preispolitik der Wettbewerber und schwache Absatzmärkte setzten die Unternehmen unter enormen Kostendruck.

Umsätze brechen weiter ein

Die finanzielle Lage der Industrie verschlechterte sich 2025 weiter. Der Gesamtumsatz schrumpfte um 1,1 Prozent. Damit sank der Umsatz nominal bereits im zweiten Jahr in Folge, nach einem Minus von 3,5 Prozent 2024.

Besonders schwach war das vierte Quartal 2025 mit einem Umsatzrückgang von 1,4 Prozent. Es war das zehnte Quartal in Folge mit sinkenden Verkäufen – ein Beleg für die hartnäckige Rezession.

Der Abschwung traf nicht alle gleich stark. Neben der Autoindustrie verzeichneten auch die Papier- und Textilbranche erhebliche Verluste. Die Textilindustrie hat seit 2019 sogar 16 Prozent ihrer Belegschaft verloren. Widerstandsfähiger zeigten sich die Metallindustrie und der Elektroengineering-Sektor, die 2025 noch Umsatzwachstum meldeten. Langfristig schrumpft aber auch dort die Belegschaft.

Sechs Jahre anhaltender Schrumpfung

Die EY-Zahlen offenbaren einen anhaltenden Abwärtstrend. Seit 2019 hat der Industriesektor insgesamt 266.200 Arbeitsplätze verloren – ein Minus von etwa fünf Prozent. Diese stetige Erosion wirft Fragen zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Produktionsstandort auf.

Es gibt auch Lichtblicke: Die Chemie- und Pharmaindustrie sowie die Elektroindustrie haben ihre Belegschaften seit 2019 leicht ausgebaut (plus drei bzw. zwei Prozent). Doch selbst die Chemiebranche geriet 2025 unter Druck und verlor etwa 2.000 Jobs. Offenbar beginnen auch die einst stabilen Säulen der Wirtschaft unter hohen Energiepreisen und regulatorischer Last zu ächzen.

Insolvenzwelle und düstere Aussichten

Die Not im verarbeitenden Gewerbe zeigt sich auch in einer steigenden Insolvenzwelle. 2025 erreichte die Zahl der Industrie-Pleiten einen Zwölfjahreshöchststand. Betroffen sind vor allem mittelständische Unternehmen, denen die finanziellen Reserven für längere Durststrecken fehlen.

Anzeige

Stehen in Ihrem Betrieb betriebsbedingte Kündigungen oder Kurzarbeit an? Der kostenlose Praxis-Leitfaden erklärt Betriebsräten Schritt für Schritt, wie sie faire Sozialpläne und Interessenausgleiche durchsetzen, Punkteschemata erstellen und die bestmöglichen Abfindungen verhandeln. Jetzt Sozialplan-Leitfaden gratis herunterladen
Die Aussichten für 2026 bleiben düster. Eine Stabilisierung des Arbeitsmarktes wäre nur durch eine kräftige Konjunkturbelebung möglich, von der derzeit keine Anzeichen zu erkennen sind. Die Mischung aus strukturellen Nachteilen wie hohen Steuern und Energiekosten sowie der Schwäche in wichtigen Exportmärkten wie China lastet weiter schwer auf der Stimmung.

Brorhilker sieht wenig Hoffnung auf Besserung. Ohne signifikante Änderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen oder eine plötzliche Erholung der globalen Nachfrage werde das „Salamischneiden“ von Industriearbeitsplätzen wohl anhalten. Die Ära der Rekordbeschäftigung in der deutschen Industrie, wie sie noch 2018 herrschte, scheint endgültig vorbei.

@ boerse-global.de

Hol dir den Wissensvorsprung der Profis. Seit 2005 liefert der Börsenbrief trading-notes verlässliche Trading-Empfehlungen – dreimal die Woche, direkt in dein Postfach. 100% kostenlos. 100% Expertenwissen. Trage einfach deine E-Mail Adresse ein und verpasse ab heute keine Top-Chance mehr.
Jetzt anmelden.