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Drax Group plc: Wie der britische Energieversorger seine Zukunft mit Biomasse und Speichertechnologie neu erfindet

13.01.2026 - 20:31:02

Drax Group plc wandelt sich vom klassischen Kohlekraftwerksbetreiber zum zentralen Player für Bioenergie, Speicherlösungen und potenzielle CO?-Entnahme in Großbritannien – mit spürbaren Effekten auf die Drax Aktie.

Vom Kohle-Dinosaurier zum Klimaschutz-Pionier? Die Wette von Drax Group plc

Kaum ein Energieunternehmen in Europa steht so exemplarisch für den radikalen Umbau der Stromwirtschaft wie die Drax Group plc. Einst berühmt-berüchtigt für eines der größten Kohlekraftwerke Europas, inszeniert sich der Konzern heute als Schrittmacher für Bioenergie, Energiespeicher und langfristig sogar als Anbieter negativer Emissionen. Hinter diesem Kurs steht eine klare Wette: Wer das Zusammenspiel aus gesicherter Leistung, erneuerbarer Energie und CO?-Entnahme (Carbon Removal) beherrscht, wird zu einem zentralen Baustein der künftigen Energiewirtschaft. Für Investor:innen macht genau das die Drax Aktie interessant – und riskant zugleich.

Drax Group plc ist dabei weniger ein einzelnes Produkt im klassischen Sinn als vielmehr ein integriertes Geschäftsmodell rund um steuerbare erneuerbare Energie. Das „Produkt“, um das es am Kapitalmarkt und in der Energiebranche geht, ist das Portfolio aus dem Drax Power Station Komplex, Bioenergie-Anlagen, Wasserkraft, Pumpspeicher, Batterien, Handel und künftig BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage). Entscheidend ist die Frage: Gelingt es Drax, diese Bausteine in ein skalierbares, profitables und politisch tragfähiges Modell zu überführen?

Drax Group plc als Schlüsselspieler der britischen Energiewende – was das integrierte Bioenergie- und Speicher-Modell auszeichnet

Das Flaggschiff im Detail: Drax Group plc

Im Zentrum von Drax Group plc steht nach wie vor der Standort Drax Power Station in North Yorkshire – heute allerdings weitgehend als Biomassekraftwerk. Mehrere Blöcke wurden von Kohle auf Holzpellets umgestellt, der Konzern spricht von nachhaltiger, steuerbarer erneuerbarer Energie. Ergänzt wird dieses Kernasset um Wasserkraft- und Pumpspeicherkraftwerke in Schottland, Onshore-Wind-Anteile, Flexibilitätsprodukte und ein wachsendes Spektrum an Energiespeicherlösungen, insbesondere große Batteriespeicher.

Die technische und geschäftliche Logik dahinter: Wind- und Solarparks liefern zwar günstige Kilowattstunden, aber keine Versorgungssicherheit. Drax positioniert sich als Anbieter von „Dispatchable Renewables“ – erneuerbarer Leistung, die bei Bedarf hoch- und runtergefahren werden kann. Biomassekraftwerke und Pumpspeicher füllen Versorgungslücken bei Flaute und Dunkelheit. Hinzu kommt das Handelsteam, das den Stromabsatz optimiert, sowie das Biomasse-Liefergeschäft mit internationaler Lieferkette für Holzpellets.

Besonders ambitioniert ist der nächste Schritt: BECCS – Bioenergy with Carbon Capture and Storage. Drax will an bestehenden Biomasseblöcken CO?-Abscheidung installieren, das abgeschiedene CO? verpressen und so negative Emissionen erzeugen. Das Geschäftsmodell verschiebt sich damit von reiner Stromproduktion hin zu einem Mix aus Strom, Kapazitätsbereitstellung und Klimaservice: Unternehmen und Staaten könnten CO?-Entnahme-Zertifikate kaufen, um unvermeidbare Emissionen zu kompensieren.

Auf Produktebene lassen sich mehrere Säulen unterscheiden:

  • Biomassekraftwerke: Provision von Grundlast-ähnlicher, steuerbarer erneuerbarer Energie, inklusive Systemdienstleistungen wie Frequenzhaltung.
  • Wasserkraft & Pumpspeicher: Schnelle Bereitstellung von Spitzenlast und Netzstabilisierungsdiensten.
  • Batteriespeicher (BESS): Kurzfristige Flexibilität für Sekunden- bis Stundenbereich, zunehmend wichtig mit wachsendem Anteil fluktuierender Erneuerbarer.
  • Biomasse-Lieferkette: Produktion und Handel von Holzpellets, inkl. langfristiger Lieferverträge.
  • Potenzielle BECCS-Services: Angebotsseitige CO?-Entnahme als Dienstleistung für Industrie, Energieversorger und Staaten.

Die Unique Selling Proposition von Drax Group plc liegt genau in dieser vertikalen Integration: Vom Biomasse-Rohstoff über Kraftwerke bis hin zur potenziellen CO?-Entnahme wird die komplette Wertschöpfungskette abgedeckt. Für Politik und Industrie, die Planungssicherheit in einem Dekarbonisierungspfad brauchen, ist ein solcher „One-Stop-Shop“ durchaus attraktiv.

Hinzu kommen regulatorische Faktoren. Großbritannien setzt zur Sicherung der Netzstabilität auf Kapazitätsmechanismen und Fördermodelle für strategisch wichtige Assets. Drax ist dabei einer der größten Anbieter steuerbarer Leistung im System. Mit dem geplanten Ausrollen von BECCS versucht der Konzern sich außerdem als zentraler Partner für die britische Netto-null-Strategie zu positionieren – ein Narrativ, das auch in der öffentlichen Kommunikation stark betont wird.

Der Wettbewerb: Drax Aktie gegen den Rest

In der europäischen Versorger- und Klimaschutz-Landschaft steht Drax Group plc in einem komplexen Wettbewerbsfeld. Klassische Vergleichspartner sind große Utilities wie RWE, Ørsted oder SSE plc, auch wenn diese andere technische Schwerpunkte setzen.

Im direkten Vergleich zu RWE, das mit einem massiven Ausbau von Offshore-Wind- und Solarparks sowie Wasserstoffprojekten punktet, wirkt Drax wie ein Nischenakteur. RWE setzt stärker auf skalierbare, global einsetzbare Projekte in Wind und Solar, während Drax seine Kernkompetenz in Biomasse, Speicher und möglicher CO?-Entnahme sieht. RWE ist im Stromerzeugungsmarkt deutlich breiter aufgestellt und geografisch diversifizierter, Drax dagegen stark UK-fokussiert.

Im direkten Vergleich zu Ørsted – dem dänischen Vorreiter für Offshore-Wind – zeigt sich ein ähnliches Bild: Ørsted betreibt mit Offshore-Windparks ein klar skalierbares, international vermarktbares Produkt. Drax Group plc setzt dem ein integriertes, aber weniger global standardisierbares Modell gegenüber. Biomasse- und BECCS-Projekte sind technisch anspruchsvoll, politisch sensibel (Stichwort Nachhaltigkeit von Holzpellets) und regulatorisch eng verzahnt mit nationalen Klimapolitiken.

Ein besonders relevanter Wettbewerber im Heimatmarkt ist SSE plc, ein britischer Versorger mit starkem Fokus auf erneuerbare Energien und Netze. Im direkten Vergleich zum Erzeugungs- und Speicherportfolio von SSE, das vor allem auf Offshore-Wind, Onshore-Wind, Wasserkraft und Netzausbau setzt, positioniert sich Drax über die Kombination aus Biomasse, Pumpspeicher und Batterieprojekten. SSE spielt klar die Karte der großskaligen Windenergie und Netz-Assets, während Drax versucht, als „Flexibilitäts-Backbone“ im System wahrgenommen zu werden.

Auf technologie-spezifischer Ebene konkurriert Drax mit anderen Anbietern von negativen Emissionen oder Carbon Removal. Dazu gehören z.B. Projekte mit direkter CO?-Abscheidung aus der Luft (Direct Air Capture, u.a. von Climeworks) oder naturbasierte Lösungen wie Aufforstung. Im direkten Vergleich zu Direct-Air-Capture-Anlagen argumentiert Drax, dass BECCS eine kostengünstigere und zugleich systemdienlichere Lösung sei: Stromproduktion und CO?-Entnahme in einer Anlage.

Allerdings gibt es gewichtige Kritikpunkte: Nachhaltigkeits-NGOs und Teile der Wissenschaft hinterfragen, ob die Nutzung von Holzpellets in der derzeitigen Form tatsächlich klimaneutral oder gar klimapositiv ist. Auch das Risiko von „Lock-in-Effekten“ – also der langfristigen Bindung an eine bestimmte Technologie – wird diskutiert. Diese Debatten unterscheiden Drax klar von Wettbewerbern, die primär auf Wind und Solar setzen und regulatorisch oft weniger angreifbar sind.

Aus Investorensicht spielt zudem die Kapitalmarkt-Story eine Rolle. Während RWE und Ørsted über Jahre hinweg stark als pure-play Erneuerbare-Story vermarktet wurden, ist die Story von Drax Group plc komplexer und erklärungsbedürftiger. Der Kursverlauf der Drax Aktie reagiert spürbar sensibler auf politische Ankündigungen zu Förderregimen für Biomasse und CO?-Entnahme sowie auf öffentliche Debatten zur Nachhaltigkeit von Holzpellets.

Warum Drax Group plc die Nase vorn hat

Trotz – oder gerade wegen – der kontroversen Aspekte hat Drax Group plc in einigen zentralen Bereichen Wettbewerbsvorteile aufgebaut, die sich nicht ohne Weiteres kopieren lassen.

1. Tiefe Integration der Biomasse-Wertschöpfungskette
Während viele Versorger Biomasse nur als Beimischung im Portfolio betrachten, hat Drax eine vertikal integrierte Lieferkette aufgebaut: von der Produktion und Beschaffung von Holzpellets über Logistik und Lagerung bis zur Verwertung in großskaligen Biomasseblöcken. Diese Kontrolltiefe ermöglicht es, Kostenstrukturen zu optimieren, Lieferrisiken zu managen und regulatorische Anforderungen besser zu bedienen. Wettbewerber müssten erst erhebliche Investitionen tätigen, um ähnlich integrierte Strukturen aufzubauen.

2. Kombination aus steuerbarer erneuerbarer Energie und Flexibilität
Drax verbindet Biomassekraftwerke, Wasserkraft, Pumpspeicher und zunehmend Batteriespeicher in einem abgestuften Flexibilitätsangebot. Diese Kombination adressiert ein reales Problem der Energiewende: Es braucht nicht nur erneuerbare Kilowattstunden, sondern auch zuverlässige Kapazität. Während viele Wettbewerber sich auf den Ausbau fluktuierender Erneuerbarer konzentrieren, fokussiert Drax auf den „Kitt“, der das System zusammenhält. Das verschafft dem Unternehmen eine starke Position in Kapazitätsmärkten und bei Systemdienstleistungen.

3. First-Mover-Position bei BECCS in Großbritannien
Sollte BECCS regulatorisch voll unterstützt werden, wäre Drax mit seinen Plänen für die Drax Power Station einer der ersten großtechnischen Anbieter von negativen Emissionen. Das könnte Drax Group plc zu einem unverzichtbaren Partner der britischen Klimapolitik machen – mit langfristigen, vertraglich abgesicherten Cashflows für CO?-Entnahme. In einem Szenario, in dem Unternehmen und Staaten verpflichtend Carbon Removal einkaufen müssen, wäre das ein starkes Wachstumsnarrativ.

4. Preis-Leistungs-Verhältnis im Systemkontext statt auf reiner Kilowattstundenbasis
Im Vergleich zu reinem Wind- oder Solarstrom mögen die Gestehungskosten von Biomasse- und Speicherlösungen höher erscheinen. Doch Drax argumentiert – und nicht zu Unrecht –, dass die relevante Vergleichsgröße die Systemkosten sind: Wie teuer ist es, ein vollständig dekarbonisiertes, aber jederzeit stabiles Stromsystem zu betreiben? In diesem Rahmen können steuerbare erneuerbare Anlagen plus Speicher wettbewerbsfähig sein, insbesondere wenn sie gleichzeitig negative Emissionen bereitstellen.

5. Flexibilität bei Geschäftsmodellen
Drax Group plc kann Erlöse aus mehreren Quellen generieren: Stromverkauf, Kapazitätszahlungen, Systemdienstleistungen, Handel, Biomasse-Lieferungen und perspektivisch CO?-Entnahme. Diese Diversifikation macht das Unternehmen weniger abhängig von einzelnen Märkten oder Preisniveaus. Für Kund:innen – z.B. Industrieunternehmen, Energieversorger oder Regierungen – kann Drax damit als langfristiger Lösungsanbieter auftreten, nicht nur als Stromlieferant.

Allerdings sind diese Vorteile eng an politische und regulatorische Rahmenbedingungen geknüpft. Gerade deshalb wird die Drax Aktie am Markt als Kombination aus Infrastruktur-Investment und politischer Wette gehandelt. Wer in Drax investiert, investiert auch in die Hypothese, dass BECCS, Biomasse und Flexibilitätsmärkte in Großbritannien und potenziell international nachhaltig gefördert und genutzt werden.

Bedeutung für Aktie und Unternehmen

Für die Drax Aktie (ISIN GB00B1VNSX38) ist das integrierte Produktportfolio von Drax Group plc der zentrale Werttreiber – und zugleich die größte Quelle für Unsicherheit. Die aktuelle Bewertung am Kapitalmarkt reflektiert sowohl die etablierten Cashflows aus Biomasse- und Speicheranlagen als auch die optionalen Wachstumschancen durch BECCS und den Ausbau von Speichertechnologien.

Nach öffentlich zugänglichen Kursdaten aus Finanzportalen wie Yahoo Finance und LSE-Datenbanken notierte die Drax Aktie zuletzt im mittleren bis oberen einstelligen Pfund-Bereich. Die verwendeten Daten beziehen sich auf die letzte verfügbare Schlussnotierung bzw. fortlaufende Notierungen am britischen Aktienmarkt; Zeitstempel und genaue Kursangaben hängen vom jeweiligen Handelstag und der Marktphase ab. Die Kursverläufe der vergangenen Quartale zeigen eine hohe Korrelation mit politischen Ankündigungen der britischen Regierung zu Biomasse-Förderung, Kapazitätsmärkten und CO?-Abscheidungsprojekten.

Für Investor:innen ist entscheidend, wie sich das „Produkt Drax Group plc“ in den kommenden Jahren weiterentwickelt:

  • Wird BECCS in relevante Größenordnungen skaliert? Gelingt Drax der Abschluss langfristiger Verträge für CO?-Entnahme, könnte dies wiederkehrende, staatsnahe Einnahmequellen sichern und die Bewertung der Drax Aktie stützen.
  • Wie stabil sind die politischen Rahmenbedingungen für Biomasse? Änderungen in der Einstufung von Holzpellets, strengere Nachhaltigkeitskriterien oder gekürzte Förderungen könnten das Geschäftsmodell empfindlich treffen.
  • Kann Drax seine Speicher- und Flexibilitätsprodukte ausbauen? Mit zunehmendem Anteil erneuerbarer Energien werden flexible Kapazitäten wertvoller, was Preisspitzen und attraktive Auktionserlöse in Kapazitätsmärkten ermöglichen kann.
  • Wie entwickelt sich die Konkurrenz? Große Utilities wie RWE, Ørsted oder SSE könnten Teile des Geschäftsmodells kopieren oder mit eigenen Speicher- und Flexibilitätsprojekten den Markt verdichten.

Unterm Strich ist Drax Group plc damit ein prototypischer Transition-Player: Das Unternehmen kommt aus der fossilen Vergangenheit, versucht sich aber über ein klar definiertes Produktportfolio – steuerbare erneuerbare Energie, Speicher und Carbon Removal – in der Klimazukunft zu verankern. Die Drax Aktie spiegelt diesen Übergang wider: Sie bietet potenzielles Upside in einem Szenario, in dem BECCS und Flexibilitätsmärkte stark wachsen, trägt aber auch das Risiko politischer Kurswechsel und technischer Herausforderungen.

Für den deutschsprachigen Markt ist Drax Group plc weniger ein direktes Investmentthema wie RWE oder Ørsted, sondern vielmehr ein spannender Referenzfall. Die Frage, ob integrierte Biomasse- und BECCS-Modelle tragfähig sind, wird in den kommenden Jahren auch in der EU und damit im D-A-CH-Raum intensiv diskutiert werden. Drax zeigt, wie weit ein einzelnes Unternehmen diese Wette treiben kann – und liefert damit wertvolle Einblicke in Chancen und Grenzen solcher Modelle.

Fazit: Drax Group plc ist kein klassisches Versorger-Investment und kein einfaches „grünes“ Standardprodukt. Aber genau darin liegt die Besonderheit. Wer verstehen will, wie sich die nächste Ausbaustufe der Energiewende – mit Flexibilität, Langzeitspeichern und CO?-Entnahme – entwickeln könnte, kommt an einem Blick auf die Drax Gruppe und die Drax Aktie nicht vorbei.

@ ad-hoc-news.de