Arbeitszeitgesetz, Studie

Arbeitszeitgesetz: Studie warnt vor gesundheitlichen Risiken durch Regierungspläne

19.01.2026 - 13:43:12

Eine Analyse des WSI hält die geplante Arbeitszeit-Deregulierung für überflüssig und gesundheitsgefährdend. Das geltende Recht biete bereits hohe Flexibilität, längere Schichten brächten kaum wirtschaftlichen Nutzen.

Die Bundesregierung will den Acht-Stunden-Tag abschaffen – doch eine neue Studie hält die geplante Deregulierung für unnötig und gefährlich. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung stellt sich mit einer Analyse vom Montag gegen die Pläne von Kanzler Friedrich Merz. Demnach bietet das geltende Arbeitszeitgesetz Unternehmen bereits enorme Flexibilität. Die Forscher warnen: Längere Höchstarbeitszeiten gefährden die Gesundheit der Beschäftigten, ohne den versprochenen wirtschaftlichen Nutzen zu bringen.

Bestehendes Recht bietet schon großen Spielraum

Die Koalition will die starre tägliche Höchstgrenze von acht Stunden durch ein wöchentliches Maximum ersetzen. Kanzler Merz argumentiert, das heutige Recht sei zu starr für die moderne Wirtschaft. Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden sollen möglich werden, wenn der Wochen­schnitt stimmt.

Doch diese Darstellung greift nach Einschätzung des WSI zu kurz. Die am 19. Januar veröffentlichte Studie kommt zu einem anderen Schluss: Das geltende Gesetz ist alles andere als starr. Schon jetzt können Arbeitstage ohne besondere Begründung auf zehn Stunden verlängert werden. Voraussetzung ist lediglich, dass der Durchschnitt über sechs Monate bei acht Stunden pro Werktag liegt.

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„Das Flexibilitätspotenzial der bestehenden Regelungen ist bereits sehr hoch“, erklärt Dr. Reinhard Bispinck, Autor der Studie und früherer Leiter des WSI-Tarifarchivs. Seine Analyse von 25 großen Tarifbereichen zeigt: Das Gesetz ist „tarifdispositiv“. Das heißt, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften können in Tarifverträgen Abweichungen von der Regel aushandeln – und tun dies auch. Unternehmen nutzen diese Optionen regelmäßig, um Arbeitszeiten an schwankende Auftragslagen anzupassen.

Gesundheitliche Bedenken stehen im Raum

Doch hinter der Debatte steckt mehr als nur juristische Detailfragen. Die Experten der Böckler-Stiftung mahnen die menschlichen Kosten der Pläne an. „Das Arbeitszeitgesetz ist in erster Linie ein Gesundheitsschutz“, betont Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI. Die Daten des Instituts zeigen: Überschreitet die tägliche Arbeitszeit zehn Stunden, steigt das Unfallrisiko signifikant an. Auch langfristige Gesundheitsprobleme werden wahrscheinlicher.

Eine Befragung von über 2.000 Beschäftigten untermauert diese Bedenken. Rund drei Viertel der Befragten erwarten negative Folgen für ihre Erholungszeiten, Gesundheit und ihr Familienleben, sollte die tägliche Obergrenze fallen. Vorhersehbare Arbeitszeiten sind gerade für Beschäftigte mit Betreuungsaufgaben entscheidend. Unvorhersehbare, extrem lange Arbeitstage könnten daher besonders Frauen treffen – und sie im schlimmsten Fall ganz aus dem Arbeitsmarkt drängen. Ein paradoxes Ergebnis für eine Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften sucht.

Wirtschaftlicher Nutzen fraglich

Auch juristische Experten unterstützen die WSI-Ergebnisse. Rechtswissenschaftler des Hugo-Sinzheimer-Instituts (HSI) für Arbeits- und Sozialrecht bezweifeln den wirtschaftlichen Nutzen der Deregulierung. Dr. Amélie Sutterer-Kipping und Dr. Laurens Brandt halten die Regierungsargumente für fragwürdig. Das Ziel, wirtschaftliche Impulse zu setzen und das Arbeitsvolumen trotz des demografischen Wandels zu stabilisieren, werde durch längere Einzelschichten kaum erreicht.

Die HSI-Experten verweisen auf ermüdungsbedingte Produktivitätseinbrüche und steigende Krankenstände, die theoretische Gewinne aus längeren Schichten zunichtemachen könnten. Die Forderung nach einem zwölfstündigen zulässigen Arbeitstag ignoriere zudem gesicherte arbeitsmedizinische Erkenntnisse: Die Unfallrate steigt nach der achten Arbeitsstunde exponentiell an.

Konflikt zeichnet sich ab

Mit fortschreitendem Gesetzgebungsverfahren dürfte der Konflikt zwischen der Deregulierungsagenda der Regierung und dem Beharren der Gewerkschaften auf Schutzstandards eskalieren. Die WSI-Studie liefert den Gewerkschaften und Oppositionsparteien empirisches Argumentationsmaterial. Sie halten das bestehende Recht für völlig ausreichend.

Unternehmensverbände werden hingegen weiter für das Wochenmodell lobbyieren und auf die Notwendigkeit globaler Wettbewerbsfähigkeit verweisen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Deutschland an seinen historischen täglichen Arbeitszeitgrenzen festhält oder zu einem angelsächsisch geprägten Wochenmodell übergeht. Mit den nun öffentlichen WSI-Daten liegt die Beweislast stärker bei der Regierung: Sie muss erklären, warum die bereits existierenden, umfangreichen Flexibilisierungs­klauseln für die deutsche Wirtschaft nicht genügen.

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