Arbeitszeitgesetz: Koalition streitet über 12-Stunden-Tag
20.01.2026 - 12:56:12Die Bundesregierung plant eine Flexibilisierung des Arbeitszeitrechts – doch Gewerkschaften und Experten warnen vor Unfallrisiken und Gesundheitsgefahren.
Berlin – Die Debatte um eine Reform des Arbeitszeitgesetzes spitzt sich zu. Die Regierungskoalition aus Union und SPD steht unter Druck: Während Wirtschaftsverbände mehr Flexibilität fordern, warnen Gewerkschaften vor massiven Gesundheitsrisiken für Beschäftigte. Der Streit entzündet sich am Kernvorhaben, die starre tägliche Höchstarbeitszeit durch ein wöchentliches Maximum zu ersetzen. Kritiker befürchten, dass damit der Zwölf-Stunden-Tag zur Regel werden könnte.
Union drängt auf wöchentliche Obergrenze
Die Forderung nach einer Modernisierung des Arbeitszeitrechts ist ein zentrales Projekt der laufenden Legislaturperiode. Am Montag erhielt die Debatte neuen Schwung, als CSU-Generalsekretär Martin Huber die Koalition öffentlich aufforderte, die vereinbarten Reformen schneller umzusetzen. Eine Anpassung der Gesetze sei für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands unverzichtbar.
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Der Vorschlag von Union und Kanzler Friedrich Merz sieht vor, den rechtlichen Fokus von der täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu verlagern. Bisher gilt grundsätzlich eine Acht-Stunden-Grenze pro Tag, die unter Auflagen auf zehn Stunden ausgeweitet werden kann. Die Reform soll das deutsche Recht enger an die europäische Arbeitszeitrichtlinie anbinden, die ein wöchentliches Maximum von 48 Stunden ohne strikte tägliche Obergrenze vorsieht.
Befürworter argumentieren, der Wandel sei nötig, um der digitalisierten und globalisierten Arbeitswelt gerecht zu werden. Unternehmen sollen so Order- und Projektspitzen besser bewältigen können, indem Beschäftigte an bestimmten Tagen deutlich länger arbeiten dürfen – solange das Wochenlimit eingehalten wird. Die Wirtschaft hält die aktuellen täglichen Grenzen für veraltet und betriebshemmend.
Gewerkschaften sehen Sicherheit in Gefahr
Auf den Deregulierungsvorstoß reagieren Gewerkschaften und Arbeitsschutzexperten mit scharfer Kritik. Die IG Metall warnte am Montag vor den Folgen der geplanten Änderung. Das Ende der täglichen Obergrenze könne zu Arbeitstagen von über zwölf Stunden führen – ein inakzeptables Risiko für die Sicherheit der Beschäftigten.
Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban verwies auf Daten, wonach das Unfallrisiko am Arbeitsplatz nach der achten Stunde exponentiell steige. Diese Position wird durch Erkenntnisse der Hans-Böckler-Stiftung gestützt: Demnach sind die Unfallraten bei Schichten über zehn Stunden signifikant höher. Das Hugo Sinzheimer Institut für Arbeitsrecht (HSI) rechnete vor, dass ein Wechsel zum Wochenmaximum gesetzlich Arbeitstage von bis zu 12 Stunden und 15 Minuten erlauben könnte, sobald verpflichtende Ruhezeiten abgezogen werden.
Auch Expertinnen des Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) betonen die Bedeutung von Erholungsphasen. Flexible Arbeitszeiten seien nur dann vorteilhaft, wenn sie mitbestimmt und nicht auf Kosten notwendiger Ruhe gingen. Die Sorge: Von Arbeitgebern gesteuerte Flexibilität mit unvorhersehbaren und langen Schichten gehe mit höheren Raten von Burnout, Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher.
SPD pocht auf Gesundheitsschutz
Der Konflikt offenbart Risse in der Ampel-Koalition. Während die Unionsparteien aggressiv für Deregulierung werben, um die Wirtschaft anzukurbeln, positioniert sich die SPD als Verteidigerin des Gesundheitsschutzes.
Bernd Rützel, sozialpolitischer Experte der SPD und Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales, reagierte scharf auf die Forderungen. Das Arbeitszeitgesetz sei in erster Linie ein Gesundheitsschutzgesetz. Wirtschaftliche Flexibilität dürfe das körperliche und seelische Wohl nicht übertrumpfen. Zwar sehe der Koalitionsvertrag Gespräche über Flexibilität vor, die SPD werde aber keine Maßnahmen unterstützen, die die grundlegende Sicherheit der Arbeitnehmer gefährdeten.
Diese interne Uneinigkeit erschwert den Gesetzgebungsprozess. Der Koalitionsvertrag enthält zwar das Ziel einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit-Option, aber auch Schutzklauseln: Kein Arbeitnehmer soll gegen seinen Willen zu mehr Arbeitszeit gezwungen werden dürfen. Die Auslegung dieser Schutzvorkehrungen ist nun zentraler Streitpunkt. Die SPD besteht auf strikten Kontrollen, um Missbrauch zu verhindern.
Zwischen Wirtschaftsdruck und Arbeitnehmerwohl
Im Hintergrund des Streits kämpft die deutsche Wirtschaft um neue Stabilität. Arbeitgeberverbände wie Gesamtmetall und der BDA argumentieren, die Starrheit des deutschen Arbeitsrechts benachteilige einheimische Unternehmen im internationalen Wettbewerb. Die angestrebte Flexibilität bedeute nicht mehr Arbeitsstunden insgesamt, sondern eine andere Verteilung, die sich volatilen Marktanforderungen anpasst.
Arbeitsmarktexperten entgegnen, dass die von Arbeitgebern gewünschte „Flexibilität“ für Beschäftigte oft Unvorhersehbarkeit bedeute. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie werde so erschwert. Zwölf-Stunden-Tage werfen Fragen zur Kinderbetreuung und zur ausreichenden Erholung vor der nächsten Schicht auf.
Hinzu kommt die ungelöste Umsetzung des EuGH-Urteils zur Zeiterfassung. Die Notwendigkeit objektiver und zuverlässiger Systeme ist zwar anerkannt. Ihre Integration in ein flexibleres Arbeitszeitregime birgt jedoch technische und rechtliche Herausforderungen. Gewerkschaften fürchten: Ohne strikte Tagesgrenzen könnten Zeiterfassungssysteme überlange Stunden zwar dokumentieren, aber ohne unmittelbare rechtliche Konsequenzen – was den Schutzcharakter des Gesetzes aushöhlen würde.
Was kommt jetzt?
Die Reform des Arbeitszeitgesetzes wird den Bundestag in den kommenden Monaten beschäftigen. Beobachter rechnen mit intensiven Verhandlungen zwischen den Koalitionspartnern, um einen Kompromiss zu finden. Dieser muss die wirtschaftlichen Forderungen der Union mit den Gesundheits- und Sicherheits-Rotlinien von SPD und Gewerkschaften in Einklang bringen.
Ein Gesetzentwurf könnte noch vor der Sommerpause vorgelegt werden. Die genaue Ausgestaltung der „Sicherheitsbremsen“ für Beschäftigte ist jedoch weiter strittig. Die deutsche Arbeitnehmerschaft blickt gespannt auf Berlin, wo die Regierung den Spagat zwischen wirtschaftlicher Agilität und dem Schutz der Gesundheit versuchen muss.
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