Anthropics neue KI-Verfassung: Vom Regelwerk zum ethischen Kompass
30.01.2026 - 11:52:12Anthropic verabschiedet sich von starren KI-Verboten und setzt auf ein ethisches Grundprinzipien-System für seine Claude-Modelle. Der Wechsel kommt in einer heißen Phase: kurz nach einem milliardenschweren Urheberrechtsvergleich und mit einer düsteren Warnung des CEOs vor den Gefahren der KI.
Die neue, 80 Seiten starke „KI-Verfassung“ ist unter einer Creative-Commons-Lizenz öffentlich einsehbar. Ihr Kern ist ein radikaler Strategiewechsel: Statt einer simplen Liste von Geboten und Verboten definiert sie eine strikte Hierarchie aus vier Werten: Sicherheit, Ethik, Rechtskonformität und Hilfsbereitschaft – in genau dieser Reihenfolge. Das „vernunftbasierte“ System soll Claude befähigen, ethische Abwägungen in Grauzonen zu treffen. Fragt ein Nutzer nach der Synthese einer Chemikalie, soll das Modell Absicht und Risiko abwägen, anstatt nur ein Stichwort zu blockieren. Brisant: Das Dokument erwägt erstmals einen eigenen „moralischen Status“ für KI, eine Debatte, die bisher Lebewesen vorbehalten war.
CEO warnt vor der „Adoleszenz der Technologie“
Die Veröffentlichung wird von einem alarmierenden Essay von CEO Dario Amodei untermauert. In „Die Adoleszenz der Technologie“ beschreibt er 2026 als deutlich gefährlichere Zeit als noch 2023. Seine Metapher: Die KI-Entwicklung gleiche einem „Land voller Genies“, das ohne strenge Kontrolle in die Hände von Böswilligen fallen könne. Der technologische Optimismus früherer Jahre müsse nun defensiven Sicherheitsvorkehrungen weichen, um Missbrauch in Biowaffen- oder Cyberkriegsführung zu verhindern. Der Essay liefert die ideologische Begründung für die strenge neue Verfassung.
Urheberrechtsvergleich und aggressive Expansion
Die Timing der ethischen Neuausrichtung ist kein Zufall. Erst am Donnerstag, dem 29. Januar, lief die Frist für Einwände gegen den Vergleich im Bartz v. Anthropic-Verfahren ab. Das Unternehmen will damit Ansprüche von Autoren begleichen, deren urheberrechtlich geschützte Bücher ohne Erlaubnis für das Training früher Claude-Versionen genutzt wurden. Die Summe: rund 1,5 Milliarden Euro. Der neue Verfassungswert „Rechtskonformität“ ist eine direkte Antwort auf diesen Rechtsstreit.
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Gleichzeitig treibt Anthropic die kommerzielle Expansion voran. Neue Integrationen in Arbeitsplatz-Tools wie Slack, Asana und Figma sollen Claude zum aktiven Helfer im Arbeitsalltag machen – und damit den Wert der „Hilfsbereitschaft“ erfüllen. Kritiker sehen hier einen Zielkonflikt: Droht das „vernünftige“ Abwägen zur Hintertür zu werden, wenn das Modell unter dem Druck steht, für zahlende Enterprise-Kunden besonders „hilfreich“ zu sein?
Gemischte Reaktionen und ein Regierungsdeal
Die Branche reagiert aufmerksam. Experten loben die Transparenz des offengelegten Dokuments, das Einblick in das sonst undurchsichtige „Black Box“-Verhalten gibt. Die britische Regierung zeigt sich überzeugt von dem Ansatz und gab am Mittwoch eine Partnerschaft bekannt, um KI-Assistenten für Arbeitssuchende auf Claude-Basis zu entwickeln.
Der Erfolg des vernunftbasierten Modells wird sich nicht in Labortests, sondern in der globalen Praxis beweisen müssen. Mit dem Rechtsvergleich im Rücken und der neuen Verfassung in der Hand positioniert sich Anthropic als verantwortungsbewusster Akteur in einem Feld, das rasant erwachsen wird.


